Reviews: Words and Ideas
Bryn Mawr Classical Review

Review: Gymnasium 116, 2009, pp599-560, by Hans Otto Seitschek, Munchen

An die Wurzeln des platonischen Werkes zu gehen, ist philosophisch kein leichtes Unterfangen und philologisch von hoher Komplexitat. Fritz-Gregor Herrmann (H.), senior lecturer fur Klassische Philologie und Alte Geschichte an der Swansea University, nimmt diese Aufgabe in seiner Studie ,,Words and Ideas. The Roots of Plato's Philosophy" auf sich. Dabei betont H. auch die literarisch-kunstlerische Qualitat der Dialoge des Philosophen, die oft unterschatzt wird: ,,As a philosopher and as an author of literary dialogues, Plato is unsurpassed" (1), lautet folgerichtig der erste Satz von H.s Studie. H. ist ausgewiesener Platon-Kenner, wie die von ihm herausgegebenen Bande ,,New Essays on Plato" (Swansea 2006) und (zus. mit T. Penner u. D. Cairns) ,,Pursuing the Good. Ethics and Metaphysics in Plato's Republic" (Edinburgh 2007) unter Beweis stellen. Um es vorwegzunehmen: Als ,,Wurzeldialog", sit venia verbo, sieht H. in ,,Words and Ideas" nicht zu Unrecht den Phaidon an. Der Grund hierfiir liegt darin, dass in diesem Dialog grundlegende philosophische Begriffe der Philosophie Platons vorgestellt und entfaltet werden, wie ,,Idee" oder ,,Sein", et6og oder ovoia. In der Extremsituation der Hinrichtung des Sokrates sind hier die philosophi-schen Konzepte existenziell einer Belastungsprobe ausgesetzt und deshalb besonders klar formuliert. Deshalb kommt H. in seiner Studie immer wieder auf den Phaidon zuriick. In diesem Dialog, den H. als fruhen Dialog der mittleren Schaffensperiode ansetzt (2 u. 6), formt Platon seine Sprache also in besonderer Weise und lasst sie an Kontur gewinnen.
Bevor H. zentrale Begriffe in verschiedenen anderen Dialogen von Platon her-ausarbeitet, geht der Autor beispielhaft auf zwei ,,vorplatonische" Denker ein, die durchaus als ursprunglich fur Platons Denken angesehen werden konnen: die beiden Eleaten Zenon und Parmenides (7-20). Irn weiteren Fortgang der Studie untersucht H. auch das Denken anderer Vorsokratiker, wie Anaxagoras, Diogenes von Apollo-nia, der Atomisten Leukipp und Demokrit sowie der Pythagoraer, soweit es uns zu-ganglich ist. Platons Philosophie ist, so H., durchaus keine creatio ex nihilo, sondern musste auf einer literarisch-ideengeschichtlichen Basis gewonnen werden (1-7). Die Entwicklung der philosophischen Sprache Platons ist fur H. der Ausgangspunkt fur die Untersuchung dieser literaturgeschichtlichen Voraussetzungen. Mit der Identifi-kation des geschichtlich ererbten Anteils an der Philosophie Platons wird in der Folge der eigenstandige Gehalt platonischen Denkens deutlich, so das Ziel von H.s Arbeit: „[...] to see what is old and what is new, what is inherited and what is distinctive in his [Plato's] philosophy" (2).
Es ist H. zuzustimmen, wenn er die Vermittlung der radikalen eleatischen Seins-philosophie als durchaus zentrales Movens fur Platons Denken ansieht: ,,Denken und Sein sind eins", wie es uns Parmenides lehrt, jedoch widerspricht dies diametral unserer intuitiven Wahrnehmung, die doch von Werden und Vergehen gepragt ist und augenscheinlich das Nichtsein durchaus denken kann. Also haben die Lebewesen und Dinge, die uns umgeben, nur Anteil am Sein, am unverganglichen Sein der Ideen. Vergangliches kann nur mit dem Sein mit-halten, es nicht grundsatzlich selbst bilden. Folgerichtig ist der erste zentrale Begriff, den H. analysiert, U.ETEXEIV (teilhaben [an
etwas]"). Gerade in den frilheren platonischen Dialogen Laches, Charmides, Protagoras und Gorgias, die H. historisch alle vor dem Phaidon ansetzt (6), spielt der Be-griff der Teilhabe eine Schliisselrolle bei der Erklarung des Seins der Dinge und der Erkenntnis der platonischen Ideen als Grundformen des Seins. Hier hatte auch eine Untersuchung des platonischen Parmenides erfolgen konnen, den H. erst spat, nach der Politeia, in Platens Schaffen ansiedelt. Nicht umsonst werden die Probleme der Teilhabe am Sein gerade in dem Dialog verhandelt, der den Namen einer der beiden bekannten Eleaten tragt. Umsichtig geht H. dann auf viele weitere Begriffe ein, die erwartungsgemaB um die Begriffe elvai und 61605 gruppiert sind. Den Kreis der wei-teren analysierten Begriffsfelder bilden naherhin: Im ersten Teil des Buches neben fiETexeiv, Jtafjouoia sowie jiaQetvoa und TcaQayiyveadai, evelvcu sowie eyyiyvta^ai, im zweiten: £1605, I6ea, noQcpr) und im dritten: oiioia sowie 61805, idea, jiETexEiv sowie jiaoovaia, xoivurvia und evetvai im Phaidon. H. macht durch diese treffende Aus-wahl von Begriffen die beiden generellen Brennpunkte seiner begrifflichen Analyse deutlich: ,,Sein" und ,,Teilhabe am Sein" in den Ideen. Seinem disziplinar grenz-iiberschreitenden Anspruch, mithilfe einer philologischen Analyse der platonischen Sprache den historischen Gehalt und eigenen denkerischen Anteil des Philosophen differenzierend herauszuarbeiten, wird H. also durchaus gerecht, wobei er seine Er-gebnisse mil ausfiihrlichen Primarzitaten untermauert (so 226-231).
Besonders hervorzuheben ist, dass H. parallel die Verwendung der jeweiligen philo-sophischen Begriffe bei anderen griechischen Autoren untersucht, die nicht unbedingt Philosophen sein miissen, sondern auch Poeten, Literaten, Dramatiker, Rhetoriker, Naturforscher, Ethnographen oder Historiographen sein konnen. Den letzten beiden Gruppen mag Herodot zugeteilt werden, auf den H. unter anderen eingeht. H. hebt beispielsweise hervor, dass bei Herodot toea zwar durchaus die abstrakte Bedeutung von „ Abbild", ,,Schema" oder ,,Strategie" haben kann - im Sinne von Gedankeninhalt „[...] what is in somebody's mind" (166) -, dennoch aber nicht an die Abstraktheit der platonischen ,,Idee" heranreicht. Herodot sieht immer eine eindeutige phanomenale Bezugnahme von I6ea vor. Ahnlich verhalt es sich bei Herodot mil dem Begriff elooc; (114). Im Hippokratischen Corpus sind sowohl £1605 als auch L&ea deutlich abstrakter gefasst und miissen keinen visuellen Bezug haben (126 bzw. 168f.). Sie stehen damit der platonischen Verwendung dieser Begriffe naher.
Zum Schluss des ubersichtlich und fein gegliederten, sorgfaltig edierten Hardcover-Bandes - Anmerkungen, Bibliographie und Indices umfassen insgesamt nahezu 100 Sei-ten - wird klar, dass es f iir Klassische Philologen genauso wichtig ist, den philosophischen Gehalt in Platons Begriffen zu ergrunden, wie es fur Philosophen von groBer Bedeutung ist, die begrifflichen Grenzen des platonischen Denkens zu erfassen. Platons Philosophie ist zwar grundlegend, sie kommt aber nicht aus dem Nichts. An dieser fruchtbaren gegen-seitigen wissenschaftlichen Wahrnehmung fehlt es heute nur allzu oft.

Review Scholia Reviews ns 17, 2008, 27

Fritz-Gregor Herrmann offers a stimulating and detailed study of those terms which seem key to the 'Theory of Forms' presented in Plato's Phaedo. This is a thorough and thought- provoking monograph of interest to anyone curious about the possible origins of Plato's metaphysical thought, particularly within the Phaedo.

Review: Revue Philosophique de Louvain, February 2008, pp162-164
by Marc-Antoine gavray, Charge de recherches F.R.S.-FNRS.

....A maints égards, F.-G. H. réalise un travail rare dans les études plato-niciennes. En premier lieu, il allie avec brio rigueur philologique et préoccupation philosophique, dans une enquête où 1'une enrichit constamment 1'autre. En deuxième lieu, il soutient une thèse originate qui, aussi modeste soit-elle dans sa présentation, ne peut qu'altérer radicalement le regard du lecteur, qu'il 1'accepte ou la refuse. En troisième et dernier lieu, à partir de quelques pages seulement de Platon, il propose une analyse digne de s'étendre à 1'ensemble de l'œuvre platonicienne, mais aussi à la pensée antérieure. Dans une optique restreinte, ce livre se réduit à un long essai d'interprétation des pages qui clôturent le Phédon. Dans une optique élargie, il explore 1'ins-cription de Platon dans la tradition philosophique et littéraire. En conclusion, F.-G. H. offre au spécialiste un travail d'une clarté et d'une minutie extrêmes dont la lecture, rendue aisée par des récapitulations fréquentes et par un index locorum complet, ne manquera pas d'interroger nos présupposes.